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42 von 100 Punkten: Wo deutsche Krankenhäuser bei der Digitalisierung wirklich stehen

© Adobe Stock / Muhammad Faisal

Ein Oberarzt in einer mittelgroßen Klinik im Ruhrgebiet beginnt seinen Dienst. Bevor er den ersten Patienten sieht, muss er sich durch drei verschiedene Softwaresysteme klicken, die nicht miteinander kommunizieren. Die Laborwerte vom Vortag findet er im einen System, die Bildgebung im anderen. Was in seiner vorherigen Klinik über ein einziges Portal lief, kostet ihn hier jeden Morgen eine halbe Stunde zusätzlich. Leider ist das Ganze kein Einzelfall. Die Digitalisierung deutscher Krankenhäuser ist ein Thema, das seit Jahren die Schlagzeilen füllt und doch in der Praxis vielerorts erschreckend langsam vorankommt. Das Versprechen lautet: effizientere Abläufe und weniger Bürokratie. Die Realität sieht an vielen Standorten anders aus. Und genau diese Diskrepanz betrifft auch uns als Personalvermittler ganz unmittelbar. Denn die Frage, wie digital eine Klinik aufgestellt ist, wird für Ärzte zunehmend zum Entscheidungskriterium bei der Jobwahl.

 

Wo deutsche Kliniken heute stehen

Der DigitalRadar Krankenhaus, die bislang umfassendste Erhebung zum digitalen Reifegrad deutscher Krankenhäuser, hat im Sommer 2025 seinen zweiten Zwischenbericht vorgelegt. 1.592 Einrichtungen haben daran teilgenommen, was über 85 Prozent aller Kliniken in Deutschland entspricht. Der durchschnittliche digitale Reifegrad ist von 33,0 Punkten im Jahr 2021 auf 42,4 von 100 möglichen Punkten gestiegen. Das klingt nach Fortschritt, und das ist es auch. Doch 42 von 100 Punkten bedeuten eben auch, dass die Hälfte des Weges noch nicht geschafft ist, und viele Kliniken erst am Anfang ihrer digitalen Transformation stehen. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie von Bitkom und Hartmannbund, dass sich der Einsatz Künstlicher Intelligenz in Kliniken seit 2022 verdoppelt hat. Rund 18 Prozent der Klinikärzte arbeiten inzwischen mit KI-gestützten Anwendungen, etwa bei der Auswertung bildgebender Verfahren. In den Praxen bieten bereits 25 Prozent Videosprechstunden an, und mehr als jede dritte Praxis ermöglicht eine Online-Terminvereinbarung.

 

Die elektronische Patientenakte: Hoffnungsträger mit Startschwierigkeiten

Kaum ein Thema steht so symbolisch für das Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit wie die elektronische Patientenakte (ePA). Seit dem bundesweiten Rollout im Frühjahr 2025 erhält jede gesetzlich versicherte Person automatisch eine ePA, solange sie nicht aktiv widerspricht. Sie sammelt alle relevanten Gesundheitsdaten an einem Ort, jederzeit abrufbar für behandelnde Ärzte. Doch die Skepsis unter den Medizinern ist groß. Laut der genannten Bitkom-Erhebung glauben 86 Prozent der befragten Ärzte nicht daran, dass die ePA technisch reibungslos funktioniert. 66 Prozent befürchten Datenmissbrauch, 61 Prozent sehen eine Überforderung des Praxispersonals. Allerdings gibt es auch eine positive Seite, denn 54 Prozent hätten sich sogar eine frühere Einführung gewünscht, und 41 Prozent freuen sich auf die Arbeit mit der ePA. Das Meinungsbild ist also gespalten. Das Problem sind die Umsetzung und die Begleitumstände, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

 

Warum die Digitalisierung so zäh vorankommt

Die Gründe dafür, dass viele Kliniken trotz milliardenschwerer Förderprogramme beim digitalen Wandel nicht so schnell vorankommen wie erhofft, sind vielschichtig. Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) hat seit 2021 über vier Milliarden Euro für die Digitalisierung bereitgestellt. Geld allein löst das Problem aber nicht. Ein zentrales Hindernis ist der massive IT-Fachkräftemangel in Krankenhäusern. Schätzungen zufolge fehlen aktuell mehrere tausend IT-Vollzeitkräfte allein für die Mindestausstattung der Kliniken. Kliniken konkurrieren bei IT-Fachkräften nicht nur mit anderen Gesundheitseinrichtungen, sondern mit der gesamten Tech-Branche, mit Banken, Industrie und Start-ups. Die Gehaltsstrukturen im Krankenhauswesen sind dabei selten wettbewerbsfähig. Starre Tarifbindungen und begrenzte Gehaltsbänder machen es vielen Häusern fast unmöglich, qualifizierte IT- Spezialisten zu gewinnen und zu halten. Hinzu kommt, was im Fachjargon als „Legacy-Problem" bezeichnet wird: Viele Kliniken arbeiten mit gewachsenen IT-Systemen, die über Jahre oder Jahrzehnte hinweg entstanden sind. Diese Altsysteme sind untereinander oft nicht kompatibel, was die Integration neuer digitaler Lösungen zu einem hochkomplexen Unterfangen macht. Und während die Digitalisierung langfristig Prozesse effizienter gestalten soll, erhöht sie kurzfristig sogar den Personalbedarf, da neue Systeme eingeführt und geschult werden.

 

Die Kluft zwischen groß und klein

Ein besonders auffälliger Befund des DigitalRadars: Die digitale Kluft zwischen großen und kleinen Kliniken wächst. Große Häuser und Klinikverbünde können eigene IT-Abteilungen unterhalten und externe Expertise einkaufen. Kleinere Krankenhäuser stehen dagegen häufig vor der Situation, dass ihre ohnehin dünne IT-Personaldecke kaum ausreicht, um den laufenden Betrieb sicherzustellen, geschweige denn ambitionierte Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Diese Ungleichheit betrifft auch die Rekrutierung medizinischen Personals. Eine Klinik, die ihren Ärzten moderne, gut funktionierende digitale Arbeitsumgebungen bieten kann, hat im Wettbewerb um Fachkräfte einen klaren Vorteil. Umgekehrt können veraltete IT-Strukturen zum Nachteil werden, weil sie den Arbeitsalltag unnötig erschweren und die Attraktivität als Arbeitgeber mindern.

 

Was Digitalisierung für medizinisches Personal bedeutet

Für Ärzte und Pflegekräfte ist die Digitalisierung weniger ein abstraktes Zukunftsthema und viel mehr gelebter Alltag. KI-gestützte Arztbriefgeneratoren reduzieren die Dokumentationszeit erheblich und digitale Aufklärungsbögen ersparen das tägliche Kopieren und Sortieren von Papierformularen. Im schlechteren Fall bedeutet Digitalisierung aber auch, dass noch ein weiteres Passwort und System gelernt werden muss. Wenn digitale Werkzeuge nicht durchdacht eingeführt werden, erzeugen sie zusätzliche Belastung statt Entlastung. Das ist besonders problematisch in einem Umfeld, das ohnehin von Personalknappheit und Zeitdruck geprägt ist. Genau deshalb wird der digitale Reifegrad einer Klinik für Bewerber zu einem immer wichtigeren Kriterium. In unseren Beratungsgesprächen bei EMC Adam erleben wir das regelmäßig: Kandidaten fragen gezielt danach, mit welchen Systemen eine Klinik arbeitet und ob die Dokumentation digital läuft. Was vor einigen Jahren noch als Detailfrage galt, ist heute für viele ein echtes Auswahlkriterium geworden.

 

Ausblick: Digitalisierung als Chance begreifen

Bei aller berechtigten Kritik am Tempo des Wandels darf man nicht übersehen, dass die Richtung stimmt. Die Fortschritte der vergangenen Jahre sind real: E-Rezept und KIM (Kommunikation im Medizinwesen) sind im Versorgungsalltag angekommen und der europäische Gesundheitsdatenraum schafft einen Rahmen für grenzüberschreitende Vernetzung. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, digitale Lösungen konsequent vom Nutzen für Patienten und medizinisches Personal abhängig zu machen. Das bedeutet auch: Kliniken, die ihre Mitarbeitenden bei der Digitalisierung mitnehmen und in Schulungen investieren, werden langfristig sowohl bei der Patientenversorgung als auch bei der Gewinnung von Fachkräften erfolgreicher sein.

 

Was das für unsere Arbeit bei EMC Adam bedeutet

Als Personalvermittlung für den medizinischen Bereich beobachten wir die Entwicklungen rund um die Digitalisierung sehr genau, da sie unmittelbar beeinflussen, was Kandidaten von einem neuen Arbeitgeber erwarten und worauf Kliniken bei der Personalgewinnung achten sollten. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Rahmenbedingungen zu verstehen, die über eine langfristig erfolgreiche Zusammenarbeit entscheiden. Dazu gehört auch die ehrliche Einschätzung, wie gut eine Klinik digital aufgestellt ist und welche Erwartungen Bewerber mitbringen. Denn am Ende geht es immer um dasselbe: Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam die bestmögliche Versorgung leisten wollen.

 

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