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Eine Fachärztin für Innere Medizin, Mitte 30, kehrt nach der Elternzeit in ihre Klinik zurück. Sie ist fachlich auf dem neuesten Stand und bereit, wieder voll einzusteigen – zumindest fast. Was sie braucht, ist ein Modell, das ihr erlaubt, an drei Tagen in der Woche bis 15 Uhr zu arbeiten, damit sie ihre Tochter aus der Kita abholen kann. Ein Modell, das es in ihrer Klinik nicht gibt. Der Chefarzt bedauert, aber Teilzeit auf Oberarztebene sei organisatorisch nicht machbar. Sechs Wochen später unterschreibt sie den Vertrag bei einem anderen Haus, aufgrund der Arbeitszeit, nicht wegen des Gehalts oder der Fachabteilung.
Was wie eine individuelle Entscheidung klingt, ist in Wahrheit Ausdruck einer tiefgreifenden Verschiebung in der Arbeitswelt von Ärzten und Pflegekräften. Und es betrifft uns bei EMC Adam direkt: Denn in unseren Beratungsgesprächen erleben wir täglich, dass das Thema Arbeitszeit längst nicht mehr am Rand verhandelt wird.
Die Zahlen des MB-Monitor 2024, der größten Ärztebefragung Deutschlands mit über 9.600 Teilnehmenden, lesen sich wie ein Lagebericht aus einem überhitzten System. Knapp die Hälfte der angestellten Ärzte fühlt sich häufig überlastet, elf Prozent geben an, ständig über ihre Grenzen zu gehen. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt bei 49 Stunden, obwohl sich 43 Prozent der Befragten eine Arbeitszeit von 30 bis 39 Stunden wünschen. Besonders alarmierend ist es, dass 28 Prozent ernsthaft über einen Berufswechsel nachdenken. Die Hauptgründe hierfür sind eine zu hohe Arbeitsbelastung, eine wachsende Kluft zwischen dem eigenen Anspruch an den Beruf und der Realität und zu wenig Zeit für Patienten. Gleichzeitig verändert sich die Ärzteschaft selbst. Laut Bundesärztekammer ist seit 2024 erstmals die Mehrheit der berufstätigen Ärzte in Deutschland weiblich. Der Trend zu Anstellung statt Niederlassung setzt sich fort, ebenso wie der Wunsch nach Teilzeit: In der ambulanten Versorgung stieg der Anteil der Teilzeittätigkeiten laut KBV-Arztzahlstatistik im Jahr 2024 auf 37,9 Prozent. Beim Marburger Bund lag die Teilzeitquote unter den Mitgliedern bereits 2022 bei 31 Prozent, gegenüber 15 Prozent im Jahr 2013. Und selbst wer in Teilzeit arbeitet, arbeitet oft mehr als vereinbart: Der MB-Monitor zeigt, dass Ärzte mit Teilzeitvertrag im Schnitt 39 Stunden pro Woche leisten. Was bedeutet das für Kliniken als Arbeitgeber? Zunächst einmal, dass die traditionelle Erwartung – Vollzeit, volle Verfügbarkeit, Bereitschaftsdienst ohne Diskussion – für einen wachsenden Teil der Ärzteschaft nicht mehr funktioniert. Nicht aus mangelndem Engagement, sondern weil sich Lebensentwürfe und Prioritäten verändert haben.
In unserer täglichen Arbeit als Personalvermittlung spüren wir diesen Wandel unmittelbar. Kandidaten fragen heute gezielt nach dem Dienstmodell einer Klinik, nach Möglichkeiten für Teilzeit oder Jobsharing, nach der Verlässlichkeit des Dienstplans. Für viele ist die Antwort auf diese Fragen mindestens so wichtig wie das Gehalt oder der Standort. Und umgekehrt erleben wir Kliniken, die sich schwertun, Stellen zu besetzen, obwohl Fachrichtung und Vergütung stimmen. Der Knackpunkt liegt häufig in der fehlenden Bereitschaft, über Arbeitszeit flexibel zu verhandeln.
Kliniken, die moderne Arbeitszeitmodelle aktiv anbieten, positionieren sich als attraktive Arbeitgeber und sichern sich gleichzeitig den Zugang zu einem Kandidatenpool, der ihnen andernfalls verschlossen bleibt. Gerade die jüngere Generation, die selbstbewusster in ihren Forderungen als frühere Jahrgänge sind, macht ihre Berufswahl zunehmend von der Vereinbarkeit mit dem eigenen Lebensentwurf abhängig. Prof. Alexander Ghanem, Chefarzt an einer Hamburger Klinik, brachte es im Deutschen Ärzteblatt auf den Punkt: Flexibilität gefährde die Versorgung nicht, sie sei eine Investition in deren Stabilität.
Es gibt inzwischen eine Reihe von Arbeitszeitmodellen, die sich im Klinikalltag bewährt haben. Und es werden nicht nur die offensichtlichen sein.
Teilzeitmodelle in verschiedenen Abstufungen, ob 50, 60 oder 80 Prozent, sind in vielen Häusern bereits angekommen. Entscheidend ist allerdings, dass Teilzeit in der Praxis auch wirklich Teilzeit bleibt. Wenn eine 60-Prozent-Stelle regelmäßig in 40 Arbeitsstunden mündet, verpufft der Effekt. Kliniken, die das ernst nehmen, schaffen Vertrauen und Bindung.
Jobsharing geht noch einen Schritt weiter. Zwei Ärzte teilen sich eine Vollzeitstelle, einschließlich aller Verantwortlichkeiten. Die Bezirksärztekammer Nordbaden hat im vergangenen Jahr Praxisberichte vorgestellt, in denen sich zwei Kolleginnen eine leitende Position teilen – mit Erfolg. Die Voraussetzung: Rückhalt durch die Klinikleitung und eine klare Aufgabenverteilung. Modelle wie diese zeigen, dass auch Führung in Teilzeit möglich ist, wenn man es organisatorisch will.
Immer mehr Häuser setzen zudem auf Schichtdienst statt klassischer 24-Stunden-Dienste. Feste Arbeitszeiten mit geregelter Ablöse sorgen für Planbarkeit und kürzere Dienstzeiten. Das mag zunächst wenig spektakulär klingen, ist für viele Beschäftigte aber ein entscheidender Faktor, denn wer weiß, wann der Dienst endet, kann sein Leben drumherum planen.
Lebensphasenorientierte Dienstplanung geht noch individueller vor. Junge Eltern brauchen andere Zeiten als Kollegen, die pflegebedürftige Angehörige versorgen oder kurz vor dem Ruhestand stehen. Manche Kliniken ermöglichen versetzte Dienstbeginne, andere lassen Teams ihre Dienstpläne eigenverantwortlich gestalten. Wieder andere bilden stationsübergreifende Pools, in denen Fachkräfte zeitliche Flexibilität gegen räumliche Mobilität tauschen. Der Grundgedanke ist dabei immer ein Rahmen, in dem verschiedene Bedürfnisse Platz finden, statt ein starres Modell für alle.

Die Frage ist nicht mehr, ob Kliniken sich mit flexiblen Arbeitszeitmodellen beschäftigen sollten. Inzwischen geht es darum wie schnell sie das angehen sollten. Denn der Wettbewerb um Fachkräfte wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Zwischen 2025 und 2030, so eine aktuelle DKI-Studie im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft, wird die Zahl der altersbedingten Ausstiege die der Berufseinsteiger übersteigen, selbst unter Berücksichtigung von Zuwanderung. Wenn gleichzeitig der Trend zu Teilzeit anhält, könnten die personellen Zuwächse durch steigende Arztzahlen praktisch aufgezehrt werden.
Flexible Arbeitszeitmodelle sind in diesem Kontext keine Großzügigkeit des Arbeitgebers. Sie sind eine strategische Antwort auf eine strukturelle Herausforderung. Kliniken, die sie nicht anbieten, riskieren, qualifiziertes Personal an Häuser zu verlieren, die es tun. Im schlimmsten Fall verlieren sie Personal an den Berufswechsel.
Bei EMC Adam erleben wir beide Seiten dieser Gleichung. Wir beraten Kandidaten, die wissen wollen, welche Arbeitszeitmodelle an einem Standort realistisch sind und die sich nicht mit vagen Versprechungen zufriedengeben. Gleichzeitig unterstützen wir Kliniken dabei, ihre Stärken als Arbeitgeber sichtbar zu machen. Denn oft existieren flexible Modelle bereits, werden aber im Recruiting nicht kommuniziert. Und manchmal braucht es den Blick von außen, um zu erkennen, dass genau hier ein entscheidender Hebel liegt.
Arbeitszeit war lange ein Thema, über das man im medizinischen Betrieb nicht verhandelte. Man arbeitete, so viel wie nötig war. Dieses Selbstverständnis trägt nicht mehr. Eine neue Ärztegeneration, bewusster, klarer in ihren Grenzen, dabei nicht weniger engagiert, verlangt nach Modellen, die Beruf und Leben vereinbar machen. Kliniken, die das verstehen und umsetzen, gewinnen mehr als Personal. Sie gewinnen Menschen, die bleiben wollen.
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